Dorotty Szalma über eine bemerkenswerte Veranstaltung: Mein Vorgänger Alexander Netschajew startete einmal eine Plakatkampagne, um einige übelmeinende Vorurteile gegenüber dem Theater auszuräumen. »Im Theater ist der Intendant immer besoffen« ließ er großformatig plakatieren. Das war natürlich ironisch gemeint. Insofern muss ich ihm Recht geben. Aber verschweigen möchte ich Ihnen nicht, dass auch wir ab und an ein Bier oder ähnliches trinken. Zum Beispiel nach getaner Arbeit auf der Premierenfeier. Und ausdrücklich betonen möchte ich, dass alle Zuschauerinnen und Zuschauer dazu herzlich eingeladen sind, mit uns zu feiern. Wie Sie wissen, kann es unter Alkoholeinfluss und im Überschwang der Gefühle dazu kommen, dass man sich zu Äußerungen hinreißen lässt, bei denen man im Nachhinein froh ist, dass sie eine Stunde später vergessen sind. Unsere letzte Premierenfeier zu »Disko« verlief heiter, aber harmlos. Trotz überschwänglicher Gefühle, verursacht durch den tosenden Applaus. Daher kann ich mich entspannt zurücklehnen und die Dramen anderer genießen. Für mich als Theatermacherin war die Landtagswahl in Baden-Württemberg eine überaus bemerkenswerte Veranstaltung. Schlammschlacht nannte es die Presse, ich nenne es lieber die Schwäbischen Shakespeare-Wochen. Zwei Kandidaten ringen um die Macht im Lande. Beide mit Potential für tragische Fallhöhen. Der eine noch jung. Der andere bereits etabliert und vom scheidenden Herrscher als Thronfolger auserkoren. Auf dem Spiel steht nicht nur die Zukunft der beiden Männer, sondern die Zukunft des Landes. Denn ein dritter Anwärter dräut im Hintergrund. Geboren im fernen Rumänien, schmeichelt er dem Volk, macht ihm Versprechungen, reißt es in den Untergang eines irren Todeskultes. Die beiden aussichtsreichen Kandidaten wissen: Zum Wohle des Landes darf nur einer von ihnen der neue Herrscher werden. Sie versprechen einander Fairness. Doch dann der Verrat. Dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit des jungen Kandidaten werden ans Licht gebracht. Es geht um Alkohol, junge Frauen, rehbraune Augen. Der Skandal ist perfekt und die Partei des Verratenen schwört Rache. Der Thronfolger wäscht seine Hände in Unschuld – übereifrige Weggefährten hätten ohne sein Wissen das Geheimnis verraten – und gewinnt die Wahl. Der Konkurrent ist tief gekränkt. Köpfe müssen rollen. Noch ist das Drama nicht beendet, denn die beiden Zerstrittenen müssen gemeinsam regieren, sonst droht das Unheil von hinter den sieben Bergen die Macht an sich zu reißen. Liebe Leser, bei allem Respekt vor der Leistung der Kollegen muss ich jedoch ganz klar betonen, Shakespeare konnte es besser. Und noch etwas muss ich betonen, als Theatermacherin und Bürgerin: Wenn Politik und Presse sich nur noch auf seichte Boulevard-Dramen-Wahlkämpfe kaprizieren, dann ist, mit Hamlet gesprochen, etwas faul im Staate. Echte Dramen, die offenbaren anstatt abzulenken, gibt es bei uns im Theater.
