Ich bin Intendantin. Ich weiß, wie sich Sparzwänge anfühlen. Ich kenne den Reflex, brav zu sein, dankbar, kooperativ, »lösungsorientiert«. Und ja: Wir finden Lösungen. Theaterleute finden immer
Lösungen. Wir könnten mit drei Stühlen und einem Lichtwechsel den Untergang Roms darstellen. Dennoch: nur, weil wir es könnten, heißt das nicht, dass wir es sollten. Es ist wie beim Jonglieren:
Man kann noch einen Ball dazu nehmen. Applaus. Und dann fällt alles runter, und niemand applaudiert dem Moment, in dem man »so effizient« war.
Der Kostendeckungsgrad an öffentlichen Theatern in Deutschland liegt zwischen 7 und 12 Prozent. In 2024 – dem ersten Jahr, an dem das TdA nach der Sanierung wieder bespielbar war, erreichten wir
bereits 10 Prozent.
Theater ist eine zivile Infrastruktur. So wie Bibliotheken, Museen, Musikschulen... Ihr »Nutzen« besteht darin, Lebensqualität zu sichern, soziale Sicherheit zu gewährleisten und Krisen zu
bewältigen – nicht darin, Gewinn zu erwirtschaften.
Theater nützt, weil es einen Ort bereitstellt, an dem wir kollektiv üben, mit Widersprüchen zu leben. Im Theater kann eine Figur gleichzeitig lächerlich und rührend sein, Täter und Opfer, mutig
und feige. Das ist keine Relativierung, das ist Menschenkenntnis. Das Problem ist: Dieser Nutzen lässt sich schlecht in Spalten eintragen. »Empathie: 7,5 Prozent.« »Ambiguitätstoleranz:
steigend.« Theater nützt der Stadt beispielsweise als Frühwarnsystem. Nicht weil wir bessere Menschen wären, sondern weil wir beruflich darin trainiert sind, Spannungen zu bemerken: zwischen
Generationen, Milieus, Sprachen, zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist. Theater ist Widerrede, ein Ort, an dem man nicht nur Zustimmung organisiert, sondern auch Widerspruch
aushält. Ein Theater, das nie irritiert, ist wie ein Rauchmelder, der nur piept, wenn der Kuchen fertig ist. Vollkommen nutzlos. Ebenfalls nützt Theater der Wirtschaft: Aufträge an Firmen,
Gastronomie, Hotellerie, Zulieferer. Arbeitsplätze. Kaufkraft. Theater produziert Fähigkeiten. Teamarbeit unter Druck. Präzision. Körper- und Stimmkompetenz. Kreativität als Handwerk, nicht als
Motto. Menschen, die gelernt haben, mit Öffentlichkeit umzugehen, mit Lampenfieber, mit Kritik. Das sind Kompetenzen, von denen jede Branche gern in ihren Leitbildern schwärmt.
Öffentliche Kultur ist ein sichtbares Zeichen, dass eine Kommune mehr sein will als Müllabfuhr und Straßenbeleuchtung. Wer Kultur nur als Schmuck betrachtet, wird sie in Krisen als erstes
verkaufen. Wenn man wirklich sparen will, muss man ehrlich sein und sagen, was man weniger will: weniger Vorstellungen, weniger Premieren, weniger Abstecher, weniger Bildung, weniger Präsenz in
Schulen, weniger Vermittlung, weniger Reichweite, weniger Einnahmen.
Theater nützt vielen. Genau deshalb ist es umkämpft. Es ist ein Ort, an dem eine Stadt sich selbst begegnet – nicht in der Spiegelglatten PR-Version, sondern in der komplizierten,
widersprüchlichen Wirklichkeit. Wer dort Personal abbaut, spart nicht nur Stellen. Er spart an der Fähigkeit einer Stadt, sich auszuhalten.
