Vor einigen Tagen haben wir erfahren dürfen, dass Forscher in Indonesien einen Handabdruck entdeckt haben, der nun als älteste bisher bekannte Höhlenkunst der Menschheitsgeschichte gilt. Sage und schreibe 67.800 Jahre alt ist das indonesische Fundstück mindestens. Die weltweit älteste gegenständliche Malerei, ein Warzenschwein in den Höhlen von Leang Karampuang, schätzt man mindestens auf 51.200 Jahre. 50.000 Jahre alt ist die älteste bekannte Knochenflöte. Die Zivilisation ist dagegen mit ihren 10.000 bis 12.000 Jahren (neolitische Revolution) höchstens ein Debütant, während die Politik, wenn wir die Anfänge im frühdynastischen Sumer und frühdynastischen Ägypten ansetzen, 5000 Jahre alt. Wahrlich ein Grünschnabel der Menschheitsgeschichte. Also muss man sich doch die uralte Frage stellen: was ist Kunst und warum ist Kunst? Kunst ist der Ausdruck von Ideen, Intuitionen und Emotionen durch ein physisches Medium wie Malerei, Bildhauerei, Film, Tanz, Literatur, Fotografie oder Theater. Kunst ist eine Möglichkeit, das Wesentliche herauszufiltern, das Unsagbare zu sagen, das Unverstandene verständlich zu machen, also die Welt zu begreifen. Nicht die Welt von Naturgesetzen, die Welt der Menschen. Sie ist ein Kommunikationsmittel. Eine Verabredung zwischen Absicht und Wahrnehmung, zwischen Künstler und Betrachter. Die Bedeutung und der (tiefere) Sinn entsteht ausschließlich durch alle Beteiligten. Kunst reflektiert und beeinflusst gesellschaftliche Veränderungen. Sie spiegelt kulturelle Ideen wider, die im Kontext verstanden werden müssen. Kunst kann universelle Botschaften vermitteln und Gemeinschaften verbinden. Kunst kann frei Kritik äußern. Sie ist für die Aufrechterhaltung allgemeiner Standards einer Zivilgesellschaft von enormer Bedeutung. Kunst verhindert, dass Botschaften zum Schweigen verurteilt werden. Nicht umsonst betont der UNESCO-Weltbericht fortlaufend, dass der Schutz der Kunstfreiheit entscheidend für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften ist. Nicht umsonst steht im Grundgesetz, dass Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre frei sind. Kunstfreiheit. Dieses Wort klingt so unscheinbar, der Verzicht darauf so unwichtig neben den multiplen Krisen, die wir zur Zeit meistern müssen. Ich frage mich jedoch: wenn Kunst und Kunstfreiheit so unwichtig sind, warum der Versuch sie abzuschaffen? Wer die Vergabe von Subventionen von künstlerischen Inhalten abhängig machen will, der will die Gedanken, Emotionen und Ideen lenken. Er will die Deutungshoheit. Eine Form von Macht, die wir ausschließlich aus diktatorischen Gesellschaftssystemen kennen. Ich schließe diese Zeilen (auf Wunsch) mit Goethes Worten: »Kunst ist eine andere Natur, auch geheimnisvoll, aber verständlicher, denn sie entspringt aus dem Verstande.«
