Hätte ich an einem frostigen Montagmorgen die Polizeiinspektion betreten, hätte ich einem amüsierten Polizisten folgende Absicht erklärt: »Ich möchte Anzeige erstatten. Raub, Bedrohung, Körperverletzung – suchen Sie sich etwas aus! Ach, nein, Brandstiftung! Ich stelle eine Anzeige wegen Brandstiftung! Mir geht es gut, danke. Ich bin nur eine rot angelaufene, empörte Intendantin kurz vor dem Nervenzusammenbruch, die lediglich die Summe ihrer Kollegen darstellt! Gegen wen ich Anzeige stellen möchte? Na, gegen die Grippewelle! § 306 Abs. 1 Nr. 1 StGB lautet: Wer fremde Hütten in Brand setzt, wird mit einer Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren bestraft. Bei uns brennt die Hütte! Was war geschehen? Dass ein Darsteller erkrankt, ist gerade in Winterzeiten nicht verwunderlich, Schauspieler sind bekanntlich auch nur Menschen. Doch in einem solchen Fall gerät das Theater vorübergehend in Aufruhr. Die Planung von anderthalb Jahren wird kurzerhand über den Haufen geworfen. Es wird geprüft, wer die Rolle übernimmt, wann das Bühnenbild aufgebaut, das Stück erneut geprobt, der Text gelernt, das Kostüm angepasst werden soll. Nicht selten geschieht das innerhalb von 24 Stunden. Während ein solcher Fall anderswo als Krankheitsvertretung bezeichnet wird, nennen wir es am Theater ›Einspringen‹. Dieses Wort beschreibt recht genau, was passiert. Man nehme einen kurzen Anlauf, denke unter keinen Umständen daran, dass sich rundherum ein Abgrund befindet, und springe einfach ab bzw. ein! Im besten Fall verfehlt man den Abgrund und landet direkt auf der Bühne, im Kostüm, in der Rolle, vor sehr vielen erwartungsvollen Menschen. Im besagten Fall hatten wir, sagen wir, Planungsglück, denn die Vorstellung ›Eine Mords-Freundin‹, die ›gerettet‹ werden musste, sollte erst in ein paar Tagen stattfinden. Zeit genug. Doch was macht man, wenn die Krankheitsvertretung ebenfalls krank wird und plötzlich nicht mehr eine, sondern zwei Aufführungen gleichzeitig zu retten sind? Irgendwann gehen einem ja die Schauspieler aus, vor allem wenn auch noch die nächste Premiere ›Mephisto‹ ansteht! Glauben Sie mir, wenn man bei Endproben einen Schauspieler kühn aus der Produktion ›klaut‹, fällt das schon auf! Also greift der Chef-Dramaturg persönlich ein und übernimmt die Rolle in der Komödie. Die talentierte Schauspielerin beweist ihre Vielseitigkeit und springt in die Hauptrolle im Märchen. Alles passiert gleichzeitig, und alle – also auch diejenigen, die sich gerne in den verwinkelten Tiefen des Theaters verstecken – machen das Gelingen möglich.« Nein, ich habe keine Anzeige gestellt, aber nur, weil wir es mit vereinten Kräften und einer gehörigen Portion Wahnsinn geschafft haben, beide Vorstellungen zu spielen. Ich zitiere: »Das beste Theater der Altmark der Welt«! PS: Liebe Grippewelle, beim nächsten Mal werde ich keinesfalls zögern!
